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Bornavirus (BoDV-1): Ursachen, Symptome und Schutzmaßnahmen
Das Bornavirus BoDV-1 kann beim Menschen eine schwere Hirnentzündung auslösen. Die Erkrankung ist selten, verläuft aber in den meisten Fällen tödlich. Ein Überblick über Übertragung, Symptome, Diagnose und Vorbeugung.
Lesezeit etwa 10 Minuten · Geprüfter Beitrag · Aktualisiert Mai 2026
Auf einen Blick
Das Borna Disease Virus 1 (BoDV-1) ist seit über 250 Jahren als Erreger einer Tierseuche bei Pferden und Schafen bekannt. Erst 2018 wurde nachgewiesen, dass das Virus auch beim Menschen schwere Gehirnentzündungen auslösen kann. Als Reservoir gilt die Feldspitzmaus, die in Süd- und Mitteldeutschland heimisch ist. Bundesweit werden jährlich etwa fünf bis zehn Fälle gemeldet, der überwiegende Teil in Bayern. Eine Impfung oder gezielte Therapie steht bislang nicht zur Verfügung.
Was ist das Bornavirus?
Das Borna Disease Virus 1, kurz BoDV-1, gehört zur Familie der Bornaviridae. Es handelt sich um ein RNA-Virus, das vor allem Nervenzellen befällt. Seinen Namen verdankt es der sächsischen Stadt Borna, in deren Umgebung Ende des 19. Jahrhunderts gehäuft Pferde an einer Hirnerkrankung verendeten. Über Jahrzehnte galt BoDV-1 ausschließlich als Erreger einer Tierseuche, die als „Borna'sche Krankheit" vor allem bei Pferden, Schafen und gelegentlich anderen Säugetieren auftrat.
Im Jahr 2018 identifizierten Forschende des Bernhard-Nocht-Instituts in Hamburg und des Robert Koch-Instituts erstmals BoDV-1 als Ursache schwerer Gehirnentzündungen beim Menschen. Seither wird das Virus systematisch in der Diagnostik unklarer Enzephalitiden mitberücksichtigt, insbesondere in den bekannten Endemiegebieten Süddeutschlands.
Wie wird das Bornavirus übertragen?
Hauptreservoir des Virus ist die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon), ein kleiner, scheuer Insektenfresser. Infizierte Tiere scheiden das Virus über Speichel, Kot, Urin und Haut aus, ohne selbst zu erkranken. Wie das Virus genau auf den Menschen übergeht, ist nicht abschließend geklärt. Fachleute gehen davon aus, dass die Übertragung über kontaminierten Staub, das Einatmen von Aerosolen oder den direkten Hautkontakt mit Ausscheidungen erfolgt. Eine Aufnahme über kleine Verletzungen, Schleimhäute oder die Bindehaut ist möglich.
Eine Übertragung von Mensch zu Mensch gilt im Alltag als äußerst unwahrscheinlich. Belegt sind bislang nur sehr seltene Übertragungen über Organtransplantationen. Eine Ansteckung beim Pflegen erkrankter Personen oder im engen häuslichen Kontakt wurde nicht beobachtet.
Steckbrief: Bornavirus (BoDV-1)
| Erreger | Borna Disease Virus 1 (BoDV-1) |
| Virusfamilie | Bornaviridae (RNA-Viren) |
| Tierreservoir | Feldspitzmaus (Crocidura leucodon) |
| Übertragungsweg | Vermutlich über Staub und Kontakt mit Ausscheidungen |
| Mensch-zu-Mensch | Im Alltag nicht belegt; nur über Organtransplantation |
| Inkubationszeit | Zwei Wochen bis mehrere Monate |
| Fälle pro Jahr in Deutschland | Etwa 5 bis 10, überwiegend in Bayern |
| Meldepflicht | Ja, seit 2020 |
| Impfung | Nicht verfügbar |
| Therapie | Nur unterstützende Behandlung möglich |
Wo kommt das Bornavirus vor?
Das Verbreitungsgebiet des Bornavirus ist eng an das Vorkommen der Feldspitzmaus gekoppelt. Endemiegebiete liegen in Süd- und Mitteldeutschland, vor allem in Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Auch in Teilen Österreichs, Liechtensteins und der Schweiz wurden Fälle dokumentiert. Bayern stellt mit Abstand den Schwerpunkt der bisher bekannten Erkrankungen dar.
Die jährliche Fallzahl in Deutschland liegt im einstelligen Bereich. Eine im wissenschaftlichen Fachjournal Scientific Reports veröffentlichte Studie untersuchte Blutproben von Tierärztinnen, Tierärzten und Blutspendern aus süddeutschen Endemiegebieten. Sie ergab eine sehr niedrige Antikörper-Prävalenz selbst in Berufsgruppen mit häufigem Tierkontakt. Das spricht dafür, dass unbemerkte oder symptomlose Infektionen eine untergeordnete Rolle spielen. Wer infiziert wird, entwickelt offenbar in den meisten Fällen auch eine Erkrankung.
Aktuelle Fälle in Bayern (2026)
Im Frühjahr 2026 wurden in Bayern drei Bornavirus-Erkrankungen bekannt. Ende April starb ein Mensch im Raum Bad Wörishofen, Landkreis Unterallgäu. Anfang Mai meldete die Stadt Augsburg einen weiteren Todesfall. Mitte Mai bestätigte das Landratsamt Regen eine Infektion bei einer 79-jährigen Patientin, die intensivmedizinisch behandelt wird. In allen Fällen war zum Zeitpunkt der Meldung unklar, wie und wo die Betroffenen sich angesteckt hatten.
Welche Symptome treten auf?
Die Erkrankung beginnt häufig mit unspezifischen Beschwerden. In den ersten Tagen treten typischerweise Fieber, Kopfschmerzen und ein allgemeines Krankheitsgefühl auf. Diese Symptome ähneln einem grippalen Infekt und werden daher zunächst selten mit einer Bornavirus-Infektion in Verbindung gebracht.
Innerhalb weniger Tage bis Wochen verschlechtert sich der Zustand zumeist deutlich. Es entwickeln sich neurologische Symptome, die auf eine fortschreitende Hirnentzündung hinweisen. Dazu zählen Verwirrtheit, Sprachstörungen, Gangunsicherheit, Bewegungsstörungen, epileptische Anfälle sowie eine zunehmende Bewusstseinstrübung. Viele Patientinnen und Patienten fallen schließlich in ein tiefes Koma.
Typischer Krankheitsverlauf
| Phase | Beschwerden |
|---|---|
| Frühphase (Tage 1 bis 7) | Fieber, Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, gelegentlich Übelkeit |
| Übergangsphase | Verhaltensauffälligkeiten, Verwirrtheit, Sprachstörungen |
| Neurologische Phase | Gang- und Bewegungsstörungen, epileptische Anfälle |
| Endphase | Bewusstseinstrübung, Koma, in den meisten Fällen tödlicher Verlauf |
Die Sterblichkeit der durch BoDV-1 ausgelösten Enzephalitis ist sehr hoch. Nach Angaben des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit haben bis heute nur wenige Erkrankte überlebt – meist mit schweren Folgeschäden. Die übrigen verstarben innerhalb von Wochen nach Auftreten der neurologischen Symptome.
Die Borna-Erkrankung ist selten. Bei Verdacht zählt jedoch jeder Tag, weil eine frühe Diagnose den Krankheitsverlauf beeinflussen kann.
Wie wird die Diagnose gestellt?
Die Diagnose einer Bornavirus-Infektion gestaltet sich aus mehreren Gründen schwierig. Antikörper gegen das Virus sind im Blut häufig erst in fortgeschrittenen Krankheitsstadien nachweisbar. Ein zuverlässiger Frühtest steht derzeit nicht zur Verfügung.
Bei Verdacht auf eine Bornavirus-Enzephalitis wird in der Regel das Nervenwasser (Liquor) oder Hirngewebe der Betroffenen mittels einer Polymerase-Kettenreaktion (PCR) auf Erbgut des Virus untersucht. Begleitend kommen bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomografie (MRT) zum Einsatz, die typische Veränderungen im Gehirn sichtbar machen können.
Wichtig ist, dass behandelnde Ärztinnen und Ärzte bei einer ungeklärten Hirnentzündung an die Möglichkeit einer Bornavirus-Infektion denken. Hinweise auf einen möglichen Kontakt zu Spitzmäusen, deren Ausscheidungen oder verstaubten Bereichen wie Schuppen, Scheunen oder Stallungen sind diagnostisch wertvoll. Patientinnen und Patienten sollten solche Kontakte beim Arztgespräch von sich aus erwähnen, auch wenn sie weiter zurückliegen.
Wie wird die Erkrankung behandelt?
Eine zugelassene, gezielte Therapie gegen das Bornavirus existiert derzeit nicht. Die Behandlung erfolgt symptomatisch und unterstützend, meist auf einer Intensivstation. Ziel ist es, das Gehirn vor weiterer Schädigung zu schützen, Krampfanfälle zu unterbinden, Kreislauf und Atmung zu stabilisieren und Komplikationen zu vermeiden.
In Einzelfällen werden antivirale Substanzen im sogenannten Off-Label-Use eingesetzt, also außerhalb ihrer eigentlichen Zulassung. Belastbare Studien zur Wirksamkeit dieser Medikamente bei BoDV-1-Infektionen liegen bisher nicht vor. Auch ein Impfstoff für den Menschen ist nicht verfügbar.
Wie kann man sich schützen?
Da weder Impfung noch Therapie zur Verfügung stehen, ist die Vermeidung des Kontakts mit Feldspitzmäusen und ihren Ausscheidungen die wichtigste Schutzmaßnahme. Das gilt besonders für Bewohnerinnen und Bewohner der bekannten Endemiegebiete in Süd- und Mitteldeutschland.
Schutzmaßnahmen im Überblick
| Umgang mit Spitzmäusen | Lebende oder tote Tiere niemals mit bloßen Händen berühren |
| Entsorgung toter Tiere | Mit Handschuhen aufnehmen, in verschlossener Plastiktüte über den Hausmüll entsorgen |
| Reinigung betroffener Bereiche | Flächen befeuchten, nicht trocken kehren oder absaugen |
| Schutzausrüstung | Gummi- oder Nitrilhandschuhe, FFP3-Maske, Schutzbrille, geschlossene Kleidung |
| Nach den Arbeiten | Duschen, Arbeitskleidung wechseln und separat bei hoher Temperatur waschen |
| Vorbeugung im Haus | Lebensmittel in verschlossenen Behältern lagern, Mauseingänge abdichten |
| Bei Spitzmaus-Nachweis im Wohnumfeld | Nahrungsquelle entfernen, fachgerechte Schädlingsbekämpfung erwägen |
Wer ist besonders gefährdet?
Eine klar definierte Risikogruppe lässt sich anhand der bisherigen Datenlage nicht festlegen. Aufgrund der Lebensweise der Feldspitzmaus gelten jedoch Personen mit beruflichem oder häufigem Kontakt zu ländlichen Umgebungen als möglicherweise stärker exponiert. Dazu zählen Landwirtinnen und Landwirte, Forstarbeiter, Jägerinnen und Jäger, Tierärztinnen und Tierärzte, Reiterinnen und Reiter sowie Bewohnerinnen und Bewohner älterer Höfe und Häuser in oder am Waldrand.
Auch Hobbygärtnerinnen und -gärtner sowie Familien mit Kindern, die im Garten oder in landwirtschaftlich genutzten Gebäuden spielen, sollten die Schutzmaßnahmen kennen. Kinder sollten angehalten werden, weder tote noch lebende Mäuse anzufassen und anschließend immer die Hände gründlich zu waschen.
Wann sollten Sie ärztlichen Rat einholen?
Bei den ersten unspezifischen Symptomen wie Fieber und Kopfschmerzen lässt sich eine Bornavirus-Infektion nicht von häufigen Infekten unterscheiden. Hellhörig werden sollten Sie jedoch, wenn nach einer grippeähnlichen Phase neurologische Auffälligkeiten hinzukommen. Dazu zählen Verwirrtheit, Wortfindungsstörungen, Gleichgewichtsprobleme, Sehstörungen, Krampfanfälle oder eine ungewöhnliche Müdigkeit, die weit über das übliche Krankheitsgefühl hinausgeht.
In diesen Fällen sollten Sie umgehend ärztlichen Rat einholen, am besten in einer Klinik mit neurologischer Abteilung. Erwähnen Sie ausdrücklich, ob Sie in einer Risikoregion leben und ob in den vergangenen Wochen oder Monaten Kontakt zu Mäusen, Mäuseausscheidungen, alten Schuppen, Heuböden oder Stallungen bestand. Diese Information kann die Diagnose entscheidend beschleunigen.
Häufige Fragen
Kann ich mich bei Haustieren mit dem Bornavirus anstecken?
Hunde und Katzen erkranken nach derzeitigem Kenntnisstand nur sehr selten an BoDV-1. Eine Übertragung von Haustieren auf den Menschen wurde bislang nicht dokumentiert. Theoretisch denkbar wäre, dass eine Katze eine infizierte Feldspitzmaus jagt und das Tier ins Haus bringt – die Gefahr geht in diesem Fall aber von der Maus aus, nicht von der Katze.
Wie unterscheide ich Feldspitzmäuse von anderen Mäusen?
Spitzmäuse haben eine charakteristisch lange, spitz zulaufende Schnauze und kleine Augen. Sie sind keine Nagetiere, sondern Insektenfresser. Da eine sichere Unterscheidung im Alltag schwerfällt, sollten grundsätzlich alle mäuseähnlichen Tiere mit Vorsicht behandelt werden – auch im Hinblick auf das Hantavirus, das von anderen Mäusearten übertragen wird.
Ist das Bornavirus meldepflichtig?
Ja. Seit März 2020 unterliegen Bornavirus-Infektionen beim Menschen der Meldepflicht nach dem Infektionsschutzgesetz. Sowohl der labordiagnostische Nachweis als auch begründete Verdachtsfälle müssen den Gesundheitsbehörden gemeldet werden.
Steigt die Zahl der Bornavirus-Fälle?
Die jährlichen Fallzahlen liegen seit Einführung der Meldepflicht im einstelligen Bereich. Ein deutlicher Anstieg ist nicht zu erkennen. Die in den Medien berichteten Häufungen sind statistisch unauffällig und erklären sich vor allem dadurch, dass jeder einzelne Fall aufgrund des schweren Verlaufs Aufmerksamkeit erhält.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei Verdacht auf eine Bornavirus-Infektion wenden Sie sich umgehend an einen Arzt. Aktuelle Informationen finden Sie auf den Internetseiten des Robert Koch-Instituts (rki.de), des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (lgl.bayern.de) sowie des Friedrich-Loeffler-Instituts (fli.de).
Quellen: Robert Koch-Institut (RKI), Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), Friedrich-Loeffler-Institut, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin Hamburg, Tappe et al. (Scientific Reports, 2019), Mitteilungen der Landratsämter Unterallgäu, Augsburg und Regen (April/Mai 2026).